Gründungsgeschichte Inhaltsverzeichnis



Martin, Carsten, Mathias und Gisela trafen sich im November 1990 in einer Marburger Kneipe zwecks Gründung einer SM-Gruppe. Sie einigten sich schnell auf den Namen „SMile“ – natürlich wegen der Anfangsbuchstaben, und um die Betonung auf Spaß zu legen.
Es wurde eine Kontakt-Anzeige im Marburger „Express“ geschaltet, und eine Woche später waren sie mit Andreas schon zu fünft und richteten einen Stammtisch ein. Es wurden weitere Anzeigen aufgegeben, um die Sache bekannt zu machen.
Der Stammtisch fand zunächst zweimal monatlich in einer Kneipe (Bono, dann Ninwa) statt und vergrößerte sich rasch. Wilfried, Werner, Rainer, Tamara.
Im März 1991 veranstalteten sie ihr erstes SM-Wochenende im Dachsloch im Sauerland. Sie fuhren auch gemeinsam zum Einkaufen in einschlägige Shops und besuchten SM-Feten und –Kneipen in Mannheim, Düsseldorf, Köln und Hamburg.
Um etwas ungestörter zu sein, trafen sich die Gruppenmitglieder bald regelmäßig privat reihum in ihren Wohnungen. Aus dieser Zeit stammen auch die Interviews im „Express“.
Die Gruppe veränderte sich bis Ende 1993 kaum, und erst ab März 1994 trafen sie sich dann einmal monatlich in der Kneipe Paris-Moskau und es kamen schnell immer mehr Gruppenmitglieder hinzu.
Zeitweise gab es sogar einen Gesprächskreis, in der Marburger Aids-Hilfe, und einen Frauen-Stammtisch. Die Gruppe spaltete sich auf in zwei Gruppen – aber nur SMile überlebte.  Anfang 2014 kam es erneut zu einem Eklat und nun besteht die Gruppe in SMile Marburg  und Smile - Marburg an der Lahn!  Wobei es sich mit SMile Marburg um die Originalgruppe handelt die sich mit der anderen Gruppe einmal im Monat in einer Marburger Kneipe trifft!


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  LES FLEURS DU MAL

Aus: Marburger Express Ausgabe 11/92:

 

 

LES FLEURS DU MAL

„SMILE“ UND „WHY KNOT!“ –

INTERESSENGRUPPEN SADOMASOCHISTISCHER

FRAUEN UND MÄNNER IN MARBURG

 

Manche merken es schon im Vorschulalter, andere erst, wenn ihre Kinder erwachsen sind: Sie haben ausschweifende sexuelle Phantasien, haben Spaß daran, zu fesseln und gefesselt zu werden, wollen in einem Latexanzug verführt werden oder in Frauenkleidern ausgepeitscht werden. Doch von den ersten geheimen Wünschen bis zur Akzeptanz und Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse ist es ein weiter Weg über die tief eingeprägten Moralvorstellungen der selten sehr phantasievollen Eltern hinweg zur gesellschaftlich nur bedingt tolerierten Existenz eines aktiven SM’lers. Insofern ist das Bedüfnis, sich organisieren zu wollen, bzw. Gleichgesinnte in seiner Umgebung auszumachen, der erste Schritt, aus dem extravaganten „Tick“ des einzelnen eine kollektive Idee zu machen, undogmatisch, in tausend Varianten.

Was soll daran so furchtbar sein? Beim Gedanken an die pure Existenz masochistischer Gedanken von sadistischen Frauen in der masochistischen Rolle eines sadomasochistischen Mannes, die zu masochistisch-sadistischen Handlungen führen usw. lassen viele Rauf- und Runter Sexualpraktiker laut aufstöhnen, nein, nein, nein das dürfen die nicht, das tut doch weh! Frauenorganisationen lehnen die wie allgemein angenommen latent sowieso vorhandene masochistische Ader der Frauen grundsätzlich ab, ihre sadistischen Züge sind nur auf den negativen patriarchalischen Einfluß der Männergesellschaft zurückzuführen. Was soll man also mit ihnen machen? Verbieten vielleicht oder anprangern oder zumindest stören? Denn sie behaupten alle unentwegt, daß sie das freiwillig machen, daß sie das so wollen und zu „normalem“ Sex, wie wir ihn praktizieren, keinen Bock mehr haben.

 

Marburg ist bundesweit die Stadt mit den meisten SM-Gruppen pro Kopf und Einwohner. Die Gruppe „SMile“ existiert seit November 1990 mit inzwischen zehn festen Mitgliedern, die alle nach eigenen Angaben „einen an der Klatsche haben“. Sie treffen sich regelmäßig in der Kneipe oder privat, tauschen Adressen von Partys und speziellen Shops aus, informieren sich über neue Trends und alte problems oder reden über sich und das kaputte Auto. Ihre Interessen sind „bunt gemischt“, es gibt viele Parallelen und viele Diferenzen, willkommen ist jeder, der eine außergewöhnliche Veranalgung hat und mit anderen „Perversen“ darüber reden will. Wer glaubt, er wäre hier bei einer Partnervermittlung mit besonders heißen Adressen oder einem Freizeitclub, der alle vierzehn Tage ein Kuschelwochenende in der Rhön verbringt, irrt sich. Die Gruppe SMile versteht sich als seriöse Interessengemeinschaft für Leute mit Phanatsie und Spaß am Spiel. „Früher hat mit S besser gefallen, jetzt bin ich mehr M, erläutert ein Gruppenmitglied. Je nachdem, mit wem man es zu tun hat.“ Das Kennenlernen außerhalb der Gruppe, das Formulierten der Wünsche und Bedürfnisse einer fremden Person gegenüber, die man vielleicht gerade in der Disco kennengelernt hat, stelle ich mir ausgesprochen schwiereig vor. „Die Reaktionen sind nie negativ. Die Person sagt: Schön und gut, aber ich kann damit nicht – oder probiert es einfach aus Es ist noch keiner schreiend weggelaufen.“ „Oder sie machten es bereits, ohne daß sie wußten, daß es dafür einen Namen gibt.“

Alkohol und Drogen sind weitläufig verpönt. Erstens stören sie die Sensibilität, die gerade in diesem Bereich Grundvorraussetzung für die spielerische Kommunikation ist, zweitens senken sie als Rauschmittel die Schmerzgrenze, so daß man sich gegebenenfalls ernsthaft und vor allem unkontrolliert verletzen könnte. „SM fängt schon an, wenn man sich beim Sex an den Handgelenken festhält.“ Und wo endet es? Das kommt ganz auf die einzelnen Passionen an. Kennt man den anderen kaum, und kann man sich noch nicht völlig auf sein Gefühl fürs Liebesspiel verlassen, sichert man sich mit einem „Codewort“ ab, d.h. wenn Schluß sein soll, ist wirklich Schluß. Zwar ist eine gewisses Maß an Panik erwünscht („Das eigentliche Ziel des Masochisten ist der Tod“), Grenzen sollen ausgelotet, Formen von Todesangst kennengelernt werden, doch nur solange es dem freiwilligen Opfer Spaß macht. Insofern versteht sich die Gruppe nicht als Selbsthilfeverein wie zum Beispiel die anonymen Alkoholiker, denn im Gegensatz zu diesen wollen sie ihren Genuß nicht einschränken oder bekämpfen, sondern entwickeln und ausweiten.

 

Why knot – die zweite Marburger SM‑Gruppe1 wurde von einem einstigen Mitbegründer von SMile im November letzten Jahres ins sadomasochistische Leben gerufen. Auch hier handelt es nicht um keine Partnervermittlung, sondern um eine Interessengemeinschaft von bisher fünf Mitgliedern. In ihrer Broschüre erläutern sie ihre Bestrebungen: Warum Knoten? … Mit dem sicheren Gefühl, daß im Grunde nichts Schlimmes passieren kann, können Zustände von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein zu einer Erfahrung werden, deren Intensität und Lustgewinn weit über übliche Spielarten von Sexualität hinausreichen… In fortgeschritteneren Spielformen sadomasochistischer Praxis schlüpfen alle beteiligten Partner in sensualisierende „Pleasure Dresses“, die auf vielfältige Art das Erleben der eigenen Sinnlichkeit im Spiegel des dominierenden/dominierten Gegenübers stimulieren und steigern…“ Der Schwerpunkt der Treffen soll darin liegen, verwandten Seelen ihr Coming out zu erleichtern, erfahrene Sados, Masos, TV’s oder Fetischisten jeglicher Couleur zusammenzubringen und Newcomern einen Anlaufpunkt zu bieten. Ihr Traum ist, nach Möglichkeit ein Netzt von Kontaktpunkten zu bilden, ein Adressenarchiv, das die Kommunikation bundesweit und über Grenzen hinaus ermöglicht bzw. vereinfacht2. Auch sie unterstreichen die Vielschichtigkeit ihrer Passionen, die ständigen Veränderungen, es fällt der Vergleich mit einem bunten „Baukasten“, aus dem heraus immer neue Formen entstehen können. Der eine zieht sich nur gern in der Öffentlichkeit einen Latexanzug an und schwitzt sich dabei halbtot, der andere will Frauenkleider tragen dürfen, und manche Mädchen wollen ihre Fans unbedingt an ihr Bett fesseln. Aber es gibt in der Szene, wie überall auch „schwarze Schafe“, z.B. Sadisten ohne die nötige Sensibilität, die sich selbst zu Supersadisten hochpowern wollen. Ist derjenige erstmal bekannt, wird er von Feten und anderen Treffen ausgegrenzt. Gefährlich können auch Newcomer zuschlagen, die ihre ersten Erfahrungen aus Comics und entsprechenden Zeitschriften haben und nun glauben, sie könnten ähnliche Verrenkungen auch von ihrem Intimpartner verlangen. Die Ehefrau des Gründers und Mitorganisatorin berichtet von einem Negativerlebnis nach Genuß von Haschisch, von peinlichen Pannen bei der Suche nach dem Schlüssel der Handschellen. „Nach fünf Minuten hatte ich den rausgeworfen.“

 

Sie arbeitet in der Redaktion des Hamburger Magazins „Schlagzeilen“, einem SM‑Sprachrohr, das vor vier Jahren mit 150 fotokopierten Seiten begann und heute einen formell ausgesprochen professionellen Eindruck macht.

„Werden in den Schlagzeilen Phantasien und Erfahrungsberichte veröffentlicht, aus denen ein gegenseitiges Einverständnis der Beteiligten nicht unmißverständlich hervorgeht, so bedeutet das nicht, daß die Redaktion oder die Autoren Gewalt gegen Männer und Frauen befürworten, wie sie im Alltag vorkommt.“

Fast auf dem Niveau von „Mein Geheimnis“ oder ähnlichen Frauenmagazinen werden romantisch verklärte Geschichten geschildert, Liebe und Härte zum Träumen und aufgeilen. Hinten sind natürlich die Anzeigen: „Meerprinzessin sucht dominanten Prinzen…“ und „Sklave 48/1,75/70kg, kann vor Damenkreis wie z.B. Damenkegelklub, Damenkränzchenoder Lesbenkreis vorgeführt werden…“, kommerzielle Anzeigen von Dominas o.ä. werden nicht gedruckt. Eine „Fetenkorrespondentin“ berichtet über die verschiedenen Partys in Berlin, Hannover und Amsterdam.

Für die Marburger Gruppen ist Mannheim der nächste Anlaufort, dort werden im „Jail’s“, der Kellerbar des „M&S Connexion“ regelmäßig SM Feten gefeiert. Für 20 Mark3 Eintritt kommen sie aus dem weitläufigen Umkreis zusammen, entsprechendes Outfit wie Lack, Leder, Gummi, Samt und Seide ist angesagt. Die Veranstalter zeigen mir ihren kleinen „Folterkeller“ mit Ringen an den Wänden und mich merkwürdig anmutende Liege- und Sitzgelegenheiten. Natürlich stehen diese Gerätschaften für das Fetenpublikum zur Verfügung. Doch bis Mitternacht stehen die Damen und Herren wie auf jeder anderen Fete zusammen, trinken Cola und Bier, ein paar mit nacktem Arsch oder Ringen durch die Brustwarzen, ab und zu läßt einer mal seine Reitgerte durch die Luft knallen. Natürlich sind zur Dekoration an mehreren Stellen Gitterstäbe festgemacht, und den gesamten Abend über läuft auf einem kleinen Monitor ein Porno mit Gefeselten. Persönlich bedroht fühlte ich mich, die als häßliches Entlein im schwarzen Wollpulli sowieso eher ignoriert wurde, jedenfalls nicht. Im Gegenteil, ich würde das Gewaltpotential in verschiedenen Dorfdiscos unserer Umgebung allgemein höher einschätzen.

Ina Freiwald

 

 

 

 

 

Anmerkungen von Smile:

 

1 Die Gruppe „Why Not“ löste sich bereits im Folgejahr auf, da Ihr Gründer nach Hamburg zog.

2 Die hier geäußerten Gedanken wurden erst ca. 10 Jahre später durch die Gründung des BVSM (Bundesvereinigung der Sadomasochisten Deutschalnds e. V.) Realität.

3 Das waren noch Preise, heute kostet es 30 €.